Für Frank Lindemann,
der nicht aufgehört hat zu fragen.
Und für Levi Rosenthal,
dem das Fragen verwehrt wurde.
1925 – 1942.
Das Land hier ist flach und geduldig.
Es hat Jahrhunderte von Bergbau aufgenommen —
die Schächte, die Strecken, die Halden, das Wasser, das
man hineinpumpte, und das Wasser, das man wieder
herauspumpte, und den Lärm und den Staub und die
Erschütterungen, die Häuser rissen und Böden senkten
und Flüsse umleiteten.
Und das Land hat aufgenommen, was Menschen ihm
gaben, wenn sie keinen anderen Ort mehr wussten.
Dinge, die nicht verschwinden sollten. Dinge, die jemand
versteckt hatte, weil er dachte, er könnte später
zurückkommen und sie holen.
Das Wort dafür — für das, was in der Erde liegt und
wartet und irgendwann nach oben kommt — ist Altlast.
Es hat zwei Bedeutungen.
Die erste ist technisch: kontaminiertes Gelände,
hinterlassen von Industrie und Bergbau, das saniert
werden muss, weil es sonst Schaden anrichtet.
5 Die zweite ist älter: eine alte Bürde. Eine Schuld, die
nicht verjährt. Eine Geschichte, die nicht fertig ist, nur
weil niemand mehr fragt.
Der Wesel-Datteln-Kanal fließt durch dieses Land. Er
weiß alles.
Er wartet, bis jemand fragt.
Valentin Fehr
Der Autor wurde 1963 in Haan/Rhld. geboren und lebt mit seiner Frau, die Kinder sind bereits erwachsen, und den Hunden Mia und Paula am Wesel-Datteln Kanal. Von Beruf ist er in der IT Branche tätig. In seiner Freizeit verbringt er viel Zeit am Wattenmeer um neue Ideen für seine Bücher zu finden.
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