Sie weigern sich nicht aus Sturheit, aufzuräumen. Die Gehirnregion, die für das Empfinden von Scham und das Erkennen von Schmutz zuständig ist, hat sich schlichtweg physisch aufgelöst.
Die Polizei öffnet die Wohnung einer älteren, ehemals hochgebildeten Person und findet Berge von verrottendem Müll, Fäkalien und unvorstellbaren Schmutz. Der Bewohner sitzt völlig unbeeindruckt inmitten des Chaos und weigert sich aggressiv, Hilfe anzunehmen. Dies ist kein einfaches Messie-Verhalten, sondern das Endstadium des Diogenes-Syndroms.
Dieses Lehrbuch trennt die klassische Sammelsucht scharf von diesem extremen psychiatrischen Notfall. Das Diogenes-Syndrom geht oft mit schweren, unbemerkten Läsionen im Frontallappen des Gehirns einher. Die Exekutivfunktionen – Planung, Schamgefühl, Hygiene und soziale Normen – werden neurologisch komplett gelöscht. Der Patient empfindet sein Umfeld nicht als chaotisch; das Gehirn ist schlichtweg nicht mehr in der Lage, das Konzept von "Ordnung" oder "Gefahr" zu verarbeiten.
Wir untersuchen die schwierigen ethischen und juristischen Grenzen zwischen dem Recht auf Selbstbestimmung und der zwingenden Notwendigkeit einer psychiatrischen Zwangseinweisung bei totalem kognitivem Zerfall.
Verstehen Sie die Biologie der Verwahrlosung. Erfahren Sie, was passiert, wenn das menschliche Gehirn die Fähigkeit verliert, sich um das eigene Überleben zu kümmern.
Heiner Stiebitz
Author
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