Der unbequeme Klassiker der russischen Literatur
Besten Willens, beim Bau der Republik mitzuarbeiten, brechen Platonows Helden in die Weiten der neuen sowjetischen Erde auf, um nach dem Rechten zu sehen und die menschlichen Fundamente zu überprüfen. Die Fragen, die sie stellen, stoßen auf Unverständnis. Makar, ein kleiner Bauer, gerät darüber in Verzweiflung und landet am Ende im Irrenhaus, wo man den Kranken aus Lenins Schriften vorliest. Anders der für das Transportwesen zuständige Weretennikow. Er spricht den Staat mit »Sie« an und rät jedem, der leidet, er solle gefälligst warten und so lange leben, bis der Staat ihn bemerkt und sich um ihn kümmert.
Während sich in diesem »Staatsbewohner« der Prototyp des zynischen Untertanen und Mitläufers ausbildet, tritt in der meisterhaften Reisenovelle »Zu Gute« ein enthusiastisch Suchender auf, der die Mängel, die er entdeckt, nicht verschweigen kann. Die Veröffentlichung dieses Textes, der Stalins Zorn erregte, war der Anfang vom Ende der schriftstellerischen Karriere Platonows. Bis zu seinem Tod 1951 konnte er nichts mehr von vergleichbarem Rang veröffentlichen.
Andrej Platonow
Andrej Platonow, 1899 in Woronesch geboren, begann mit 14 Jahren zu arbeiten, absolvierte später das Eisenbahnertechnikum und war in den 20er Jahren als Ingenieur für Bewässerungstechnik und Elektrifizierung tätig. Seit 1918 publizierte er Lyrik, Erzählungen und journalistische Arbeiten. Seine Hauptwerke, Tschewengur (1926) und Die Baugrube (1930), konnten nicht erscheinen. Platonow starb 1951. Erst in den 80er Jahren setzte seine Wiederentdeckung ein.
Die Baugrube Franz Kafka James Joyce Josef Wissarionowitsch Stalin Mitläufertum Neuübersetzung Repression Robert Musil Russische Moderne Russland Sowjetunion UdSSR Sowjetunion Ungehorsam Untertan Wahrheitsliebe
»Andrei Platonow kritisierte die Kollektivierung mit spitzer Ironie. ... Gabriele Leupold hat diese schicksalshafte Prosa in ein wunderbar widerspenstiges Deutsch gebracht, in dem sich die stilistische Meisterschaft Platonows spiegelt.«
Ulrich M. Schmid ()
»Die Erzählsammlung Der Staatsbewohner des Sowjetautors lehrt eindrucksvoll, wie man das Bewusstsein vermittels Sprache manipuliert. ... Man sollte Platonow schon deshalb wiederlesen ... Auch ohne Sowjetkommunismus gibt es dieser Tage genügend Institutionen, die das Bewusstsein mit Unrat fluten.«
Ronald Pohl ()
»Andrej Platonow gehörte
zu den Mutigsten in Stalins Diktatur. ... Gabriele Leupold hat [seine Erzählungen] akribisch genau ins Deutsche
übertragen und vollbracht, was der Literatur-Nobelpreisträger Joseph Brodsky
wegen Platonows ›Extremismus der Sprache‹ ... noch für unmöglich
hielt.«
Raoul Löbbert ()
»Leupold hat diesen Band ... in ein Deutsch übersetzt, in dem sie das sehr eigentümliche Idiom, das Platonow als Teil seiner Literatursprache entwickelt hatte, so weit kongenial nachbildet beziehungsweise kreativ anklingen lässt, wie es überhaupt möglich ist.«
Katharina Granzin ()
»Die extreme Normierung von Mensch und Gesellschaft
fällt unter Platonows stilsichere Kritik. ... Gabriele Leupold hat großartige Arbeit als Übersetzerin geleistet und
Hintergrundmaterial beschafft. So bekommt Platonow eine würdige Bühne. «
Anton Thuswaldner ()
»Mit Der Staatsbewohner setzt Suhrkamp sein unschätzbares Projekt Andrej Platonow fort, abermals umwerfend ins Deutsche gebracht von Gabriele Leupold.«
Christian Thomas ()
»Dank Gabriele Leupold ist [die Sprache der Erzählungen] zugleich rau, schroff, brüchig und noch heute ein Abenteuer ...«
Jörg Plath ()
»Man kann beobachten, wie Platonow [in diesen Erzählungen die ideologische Sprache des Leninismus-Stalinismus] nutzt, sie umkehrt, mit ihr arbeitet, sie durchdringt.«
Tomas Fitzel ()
»Platonows satirische Szenen sind plastisch, beißend und dialogstark. Und das wirkt ungemindert auch fast 100 Jahre nach ihrem Erscheinen.«
Cornelius Wüllenkemper ()
»Die Widersprüche des Sowjetsystems spiegeln sich in der disparaten Sprache
dieser großartigen Erzählungen spannungsvoll wider.«
Judith Leister ()