Gerade in der Stunde der größten Not, als Athen zu einer von Saturn gegründeten Polis wurde, tritt der Sokrates der Überlieferung, der Sokrates der Superlative, nicht in Erscheinung. Sein Rückzug ins Private, das Verlassen der Agora, bedeutet nicht nur die Verleugnung des dialogischen Charakters seiner philosophischen Forschung sondern auch den Verzicht auf seine Eigenschaft als athenischer Bürger: Der Sokrates der Apologie fehlt völlig, es fehlt seine Pflicht, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, seine Mission als schlechtes Gewissen der Polis, sein Bestreben, das Maß aller Dinge zu sein. Das ist nicht der Sokrates, der – mehr als andere Gestalten, die auf der politischen Bühne erschienen sind – den Beinamen „der Große“ verdient.
Emilio Romanó