Denn die Täter waren keine gesichtslosen Nazis, sondern Nachbarn, die ihre Opfer
gut kannten und oft sogar mit ihnen zur Schule gegangen waren. Die deutsche
Besatzungsmacht, die erst seit kurzem in der Region die Befehlsgewalt innehatte,
photographierte das Massaker zwar für Propagandazwecke, war an dem Geschehen
selbst aber nicht aktiv beteiligt. Zwischen den Juden und Christen des Ortes hatte es
bis dahin enge Beziehungen gegeben. Keines der Opfer hatte damit gerechnet, daß
aus Nachbarn über Nacht Mörder werden würden.
Die Geschichte von Jedwabne wirft Fragen auf, die an die Wurzeln der polnisch-
jüdischen Beziehungen im 20. Jahrhundert rühren. Jan T. Gross will mit seinem Buch
dazu beitragen, daß diese Fragen gestellt werden und nicht länger un-beantwortet
bleiben. Doch sein Buch wirft auch beunruhigende Fragen über die Natur
menschlicher Beziehungen überhaupt auf. "Nachbarn" ist ein unbequemes Buch -
und gerade deshalb ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des Holocaust.
Jan T Gross