Die Ästhetik historischer Architektur zeigt sich in ihren Proportionen. Was aber ist das Geheimnis schöner Proportionen?
In den vergangenen 200 Jahren widmeten sich über tausend Studien allein dem Versuch, Proportionen bedeutender Architekturen auf unterschiedlichste, zum Teil recht phantasievolle und vielfach widersprüchlicher Systeme zurückzuführen. Deren Resultate sind oft „mit dem Ernste einer wissenschaftlichen Anschauung nicht zu vereinen“ oder haben „zu einer willkürlich konstruktiven Spekulation“ geführt, wie der Kunsthistoriker Erwin Panofsky resümierte.
Dem Autor hingegen ist es in seiner Dissertation von 2017 gelungen, durch technische Analyse der Abteikirche des Klosterplans von St. Gallen die klare Abhängigkeit all ihrer Elemente von einem einzigen Gesamtmaß aufzudecken und nachzuweisen. Deren Proportionalität ist also auf ein Prinzip, das er Teilkreis-Prinzip genannt hat, zurückzuführen.
In der vorliegenden Studie stellt Dieter Büker dieses Prinzip vor und wendet es an auf so herausragende historische Bauten wie das Mausoleum in Halikarnass, das Pantheon zu Rom, unterschiedliche Kirchen am Bodensee, die Aachener Pfalz oder und sogar moderne wie die Singakademie des preußischen Architekten Karl Schinkel oder den Entwurf des Reichstagsgebäudes von Friedrich Thiersch.
Seine Proportionsanalysen erweisen ausnahmslos, daß das Teilkreis-Prinzip geeignet ist, die Proportionen aller hier untersuchten Bauten nachzubilden. In einigen Fällen, zum Beispiel beim Münster zu Bern, kamen die Ergebnisse des Proportionsprinzips dem wahrscheinlich zugrundeliegenden Konstruktionsprinzip sehr nahe. Mit diesem geometrischen Prinzip scheint somit die von Hendrik Petrus Berlage 1991 formulierte Suche nach der „Einheit in der Vielheit“ sich einem erfolgreichen Ende zu nähern.
Dieter Büker
Proportion Historische Architektur Architekturästhetik Goldener Schnitt St. Galler Klosterplan Mausoleum Halikarnass Pantheon Hagia Sophia