«Von der Office her schrie jemand: ‹Faites marcher le lunch pour deux, numéro soixanteneuf, s’il vous plaît!› Der Rufer warf sein Tragbrett auf einen der breiten Tische. Im Frack und weissen Hemd, wohlgewaschen und peinlich gekämmt, stand er frisch und lächelnd vor der schwitzenden Küche, ein Bote aus der oberen Welt des Hotels, die sorglos dem üppigen Mittagsmahl entgegenging.»
Inglins kühnster Roman, das Downton Abbey der Hotellerie
Als der alte Patron des Kurhotels Sigwart stirbt, übernimmt sein Sohn Eugen und baut es zum Grand Hotel Excelsior «am schönsten Ort der Welt» aus. Sein Bruder Peter ist gegen diese Verschandelung der Natur, unternimmt aber nichts, die ängstliche Schwester Johanna ist unentschlossen, leitet trotzdem die Wäscherei.
Im Grand Hotel machen Europas Adel und reiche Unternehmer Ferien und lassen sich ihre Langeweile mit luxuriösen Mahlzeiten und Kurorchester vertreiben. Inglin konzentriert sich ganz auf seine Figuren, vom Saucenkoch bis zum Etagenkellner, von der progressiven jungen Französin bis zum schwulen Baron mit Interesse am jungen Personal. Dabei leuchtet Inglin den Kontrast zwischen Luxus und Armut ebenso aus wie die Angestelltenhierarchie. Und ganz allmählich gerät das System aus den Fugen, bis die Scheinwelt im grandiosen Finale niederbrennt.
Inglins Roman liest sich als Metapher einer Gesellschaft, die an der Wohlstandsschere untergeht, ebenso wie als frühen ökologischen Roman über die Entfremdung des Menschen von der Natur.
Meinrad Inglin
Meinrad Inglin (1893–1971) aus Schwyz zählt zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern. Nach Abbruch einer Uhrmacher- und Kellnerausbildung sowie des Gymnasiums studiert er Literaturgeschichte und Psychologie in Genf und Neuenburg. Arbeit als Zeitungsredaktor und ab 1923 als freier Schriftsteller. Für sein Werk wurde Inglin vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grossen Schillerpreis und dem Gottfried-Keller-Preis.
Hotel Luxus Klassiker Literatur Literatur
«Inglin ist viel zu klug, und ich betone, zu reif, als dass er ein Plakat gegen ein Luxushotel zeichnete, er benutzt das Motiv, die Ober- und Unterwelt als die Schicksalsschaukel von Oben und Unten zu malen. Er überlässt es dem Leser, wer oben, wer unten ist. Er beschreibt die soziale Skala vom Kasserolier bis zum Edelmann (der Kenner der Romane Prousts wird eine berühmte und berüchtigte Figur ähnlich wiederfinden). Es ist wahr, die Unterwelt gewinnt, so menschlich und hilflos sie ist. Ein glänzender Wurf.» Eduard Korrodi, Neue Zürcher Zeitung (1928)
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«‹Grand Hotel Excelsior» zeigt eine reiche erzählerische Kraft, eine besondere Fähigkeit psychologischer Menschendarstellung und einen ungewöhnlichen Blick für den breiten und vielfältigen sozialen Organismus, in dem die Romangestalten verhaftet sind.» Der Landbote (1928)
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