Die vorliegende Publikation dokumentiert und analysiert die Ergebnisse einer empirischen Befragung zur Nutzung, Wahrnehmung und Akzeptanz des deutschen Organ- und Gewebe-spenderegisters rund eineinhalb Jahre nach dessen Einführung. Ziel der Untersuchung war es, zu evaluieren, inwieweit das mit dem Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende verfolgte politische Ziel - eine informierte, selbst-bestimmte und dokumentierte Entscheidung der Bevölkerung - durch die bestehende rechtliche und technische Ausgestaltung erreicht werden kann.
Die Befragung wurde im Zeitraum von November bis Dezember 2025 durchgeführt und basiert auf 428 vollständig auswertbaren Datensätzen. Methodisch folgt die Studie einem explorativ-deskriptiven Design, das bewusst auf kausale Modellierungen verzichtet und stattdessen strukturelle Muster, Unterschiede und Barrieren sichtbar macht. Die Ergebnisse wurden alters- und geschlechtsspezifisch normiert, um verzerrungsarme Vergleiche zwischen Bevölkerungsgruppen zu ermöglichen.
Die Analyse zeigt konsistent, dass Alter und Geschlecht zentrale Einflussfaktoren für Wissen, Vertrauen und Nutzungsbereitschaft gegenüber dem Organ- und Gewebespenderegister darstellen. Während die mittlere Altersgruppe (31 bis 59 Jahre) durch hohe Bekanntheit, vergleichsweise geringe Unsicherheit und die höchste Nutzungsbereitschaft gekennzeichnet ist, zeigen jüngere und ältere Befragte jeweils spezifische Hürden. Jüngere Personen äußern häufiger Skepsis gegenüber staatlichen Systemen und Daten-schutzbedenken, während ältere Personen vor allem durch technische Zugangsbarrieren und geringere digitale Kompetenz eingeschränkt sind.
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass Zurückhaltung oder Ablehnung gegenüber dem Register nur selten aus einer grundsätzlichen Ablehnung der Organ- und Gewebespende resultiert. Vielmehr erweisen sich Informationsdefizite, fehlende Kenntnis technischer Voraussetzungen (zum Beispiel PIN, AusweisApp) sowie mangelndes Vertrauen in digitale staatliche Infrastrukturen als entscheidende Hemmnisse. Geschlechts-spezifisch zeigen Frauen über alle Altersgruppen hinweg höhere Werte in Wissen, Vertrauen und Nutzungsbereitschaft, während Männer häufiger Unsicherheit und Distanz äußern.
Die Ergebnisse legen nahe, dass das Organ- und Gewebespenderegister grundsätzlich auf Akzeptanz stößt, seine Wirksamkeit jedoch maßgeblich von begleitenden Maßnahmen abhängt. Dazu zählen insbesondere zielgruppenspezifische Informations- und Kommunikationsstrategien, der Abbau tech-nischer Zugangshürden sowie eine stärkere vertrauensbildende Ansprache jüngerer Bevölkerungsgruppen.
Die Studie versteht sich als empirische Bestandsaufnahme in einer frühen Phase der Etablierung des Registers. Trotz begrenzter Repräsentativität und des bewusst deskriptiven Ansatzes liefert sie eine strukturaufklärende Grundlage für gesundheitspolitische Diskussionen, regulatorische Weiterentwicklungen und zukünftige, methodisch vertiefte Forschung. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Stärkung der Organspende weniger eine Frage grundsätzlicher Zustimmung als vielmehr der Gestaltung von Zugängen, Verständlichkeit und Vertrauen ist.
Norman Uhlmann
Organspende Gewebespende Register Trendanalyse Nutzendenperspektive