Die im Pariser Klimaschutzabkommen vereinbarte Begrenzung des Klimawandels erfordert einen umfassenden Wandel im Umgang mit Energie. Sonne, Wind und andere erneuerbare Energieträger werden künftig in Millionen von verteilten Kraftwerken umgesetzt, deren Zusammenspiel muss neu organisiert werden. Dezentral ist dann nicht nur die Energieerzeugung, sondern auch deren Regelung. Mehr Menschen haben die Chance zur Mitgestaltung. In diesem Buch wird ein dergestalt aufgebautes, ein zelluläres Energiesystem beschrieben, das über 300 Akteure aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft seit 2017 in Süddeutschland entwickelt und realisiert haben.
In diesem Buch wird die Neuorganisation des Umgangs mit Energie unter dem Imperativ des Klimawandels beschrieben. Das zentrale Energiesystem wird zu einem zellulären Energiesystem umgebaut. Das Projekt C/sells hat dazu seit 2017 die Blaupause, die Vorlage entwickelt und demonstriert.
Unsere Energieversorgung muss vollständig klimaneutral werden, um den Klimawandel zu beschränken. Erneuerbare Energien wie Sonnenenergie, Windenergie und Biomasse sind daher die Technologie der Wahl. Sie stehen heute schon ausgereift und wirtschaftlich zur Verfügung. Diese Technologien kommen aber typischerweise dezentral zum Einsatz und weisen häufig eine schwankende Energieversorgung auf, das unterscheidet sie von fossilen Energieträgern wie Kohle oder Öl.
Wenn nun aber die Energieversorgung vollständig auf erneuerbare Energien umgestellt werden muss, so müssen wir aufgrund der beiden geschilderten Unterschiede auch den Umgang mit Energie neu organisieren. Es geht dann in erster Linie nicht mehr darum, aus fernen Regionen Öl, Gas und Kohle herbeizuschaffen und zu verbrennen, wie es heute geschieht, sondern eine kleinteilige, räumlich verteilte Erzeugung mit dem ebenso verteilten Verbrauch zeitlich und räumlich zu koordinieren. Auch die Stromnetze sind anders zu steuern und zu regeln, um die neuen Herausforderungen effizient und sicher zu bewältigen. Moderne Informationstechnologie, umgangssprachlich die Digitalisierung, ist dabei ein Schlüssel für die Neuorganisation, aber nicht deren einziges Element. Schon heute gehören die Hunderttausende von dezentralen Kraftwerken häufig Privatpersonen und kleinen Unternehmen, und nicht mehr wie Großkraftwerke den auf Energieversorgung spezialisierten Unternehmen. Und aus reinen Verbrauchern werden Prosumer, die Energie selbst erzeugen und überschüssigen Strom an andere vermarkten. Damit einhergehen auch andere Handelsplätze und andere kaufmännische Beziehungen.
Es wird deutlich: Die Energiewende ist nicht nur ein technisches Projekt, sondern betrifft auch die Frage, wie wir unsere Wirtschaft und Gesellschaft organisieren wollen. Im Projekt C/sells haben deshalb in der Trias von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik mehr als 300 Akteure über sechs Jahre das zelluläre Energiesystem erarbeitet und in seinen Grundzügen großflächig demonstriert.
Dieses Buch beschreibt unseren Weg dahin und stellt Ergebnisse dar. Im ersten Teil beschreiben wir dazu die uns leitenden Ideen. Der zweite Teil befasst sich mit konzeptionellen Fragen: Wie das Energiesystem dazu digitalisiert werden muss, wie die engere Abstimmung von Netzbetreibern untereinander geregelt wird, wie sich Netzbetreiber auch marktlicher Mittel auf sogenannten Flexmärkten bedienen und wie sich mit den erweiterten Handlungsräumen auch neue Geschäftsmodelle auf regionalisierten Märkten ergeben. Wie dies alles in der Praxis zusammenspielt, zeigen im vierten Teil die von uns erarbeiteten Musterlösungen in den Demonstrationszellen. Abschließend versuchen wir eine Bewertung (Teil 5) und geben einen Ausblick, wie die Politik die Umsetzung des zellulären Energiesystems unterstützen kann (Teil 6). Informationen und Kontaktdaten zu allen Autoren finden sich im Autorenverzeichnis am Ende des Buches.
Birgit Haller
Dr. Birgit Haller setzt sich bei Dr. Langniß Energie & Analyse vor allem für die Förderung Erneuerbarer Energien, die Digitalisierung der Energiewende sowie für Nachhaltigkeit in der Forschung ein. Im Team der Gesamtprojektleitung von C/sells koordiniert sie die Zusammenarbeit der über 50 Partner. Als promovierte Geoökologin beschäftigt sie sich seit nahezu 15 Jahren mit nachhaltiger Infrastrukturemtwicklung, neben der Energiewirtschaft auch mit Wasser- und Abwassermanagement und Bioökonomie.
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