Kleine Mädchen, kleine Sorgen, große Mädchen, Katastrophen. Es sind die Frauen, die nicht nur hinter starken Männern stehen, sondern diese auch zu Fall bringen.
In diesen emotionalen Wirren bewegen sich Paul und seine Freunde, verfolgt vom Alptraum einer frühreifen Dreizehnjährigen und der Rache einer Frau. Doch Paul, blind für den Niedergang seiner Umgebung, sucht nach seiner Berufung, kreuzt die Leben vieler auf der Suche nach seinem Platz und der Frau, die ihn liebt. Nina und Leonie, die aktuellen Pole seines Lebens, hinterlassen dabei Fragen, über die er abends im Vorführraum eines kleinen Pornokinos nachdenkt, während er auf den Abspann wartet, um die nächste Vorstellung zu starten. Fragen, auf die es viele Antworten gibt, aber nur eine ist die Richtige.
Marc hatte noch eine gute halbe Stunde bis zu Trishs Schulschluss, doch der Verkehr in der Stadt war so stark, dass das Taxi nur schrittweise vorankam.
'Alles Baustellen. Die spinnen. Jeden Sommer reißen die die ganze Stadt auf, und wir können sehen, wie wir durch kommen', fluchte der Taxifahrer.
Marc sah schweigend auf seine Uhr.
'Wenn Sie einen Termin haben, müssten wir versuchen, über die Schnellstraße die Stadt zu umfahren, um von der anderen Seite hereinzukommen. Das könnte schneller gehen, wäre aber ein Umweg.'
'Keine Sorge, ich habe noch zwanzig Minuten. Glauben Sie, wir schaffen es bis dahin zum von-Bingen-Gymnasium?'
'Sicher doch. Übrigens keine schlechte Schule, meine Tochter war auch dort.'
'Ach, und ich dachte, das wäre ein Internat.'
'Ist es auch, doch nur ein Teil der Kinder wohnt dort. Der Rest geht mittags genauso nach Hause wie an anderen Schulen auch.Bleibt Ihre Tochter im Internat?'
'Meine Stiefschwester und ja, sie wohnt dort. Doch heute hole ich sie zu mir und schau, dass sie ihre Hausaufgaben macht.'
'Ja, da passt man besser ein bisschen auf', nickte der Fahrer.
Trish stand schon vor der Schule, als das Taxi ankam. Marc bat den Fahrer kurz zu halten, stieg aus, nahm ihr den Rucksack ab und gemeinsam ließen sie sich in die WG zurück fahren.
'Hunger?', fragte Marc seine Schwester, als sie in der Wohnung ankamen. Diese schüttelte den Kopf. 'Die letzte Stunde fiel aus, da waren wir bei McDonald.'
'Ok, sag Bescheid, wenn du deine Aufgaben fertig hast. Ich bin unten im Atelier.' Damit ließ er Trish im Wohnzimmer allein. Diese entnahm ihrem Rucksack ein paar Hefte und Bücher und warf sie auf den Tisch. Genervt blätterte sie anschließend in ihrem Hausaufgabenheft, schlug eines der Bücher auf und schaute aus dem Fenster. Sie war unglücklich. Die Mädchen im Internat nervten sie. Sie hasste deren kindische Themen, dieses Gekicher und Getuschel, die blöden Fragen, ob jemand in ihrer Familie gestorben sei, weil sie die einzige war, die schwarz trug. Und sie hasste ihre Eltern, die sie auf diese Schule gesteckt hatten. Aber am schlimmsten waren die Nonnen, deren Unterricht langweilig und überzogen streng war. Im Wohnheim war es nicht viel besser. Überall Vorschriften. Musik auf dem Zimmer war ebenso wie Fernsehen nach 22 Uhr verboten. Ein älteres Mädchen musste das Internat verlassen, weil sie Besuch von ihrem Freund hatte. Und Trish bekam bereits nach einer Woche ihre erste Verwarnung, als man sie mitten in der Nacht auf der Toilette beim Rauchen erwischte. Wahrscheinlich wäre auch sie rausgeflogen, wenn die Heimleitung ihr Zimmer durchsucht und die Flasche Wodka im Schrank gefunden hätte. Doch zum Glück schlief Lotta schon, als man Trish zurück ins Bett brachte. Lotta war ihre Mitbewohnerin im Doppelzimmer und wurde zur einzigen Freundin. Ihre Mutter hatte sie ins Internat gesteckt, weil deren neuer Freund keine Kinder mochte. Lotta war schon fünfzehn und sah wie achtzehn aus. Sie war cool, hatte schon zwei feste Freunde gehabt und sprach den ganzen Tag nur von Jungs. Sie war es auch, die den Wodka ins Internat geschmuggelt hatte.
Mühsam quälte sich Trish durch ihre Aufgaben, doch nach 30 Minuten hatte sie keinen Bock mehr. So setzte sie sich vor den Fernseher, schaltete die Playstation an und lotste ihre Spielfigur lustlos durch ein von Zombies bewohntes New York. Sie blickte kaum hoch, als plötzlich die Tür aufging und Alexander den Kopf ins Zimmer steckte.
'Ist Marc da?'
'Unten.'
'Und du? Mit den Hausaufgaben fertig?'
'Hey, bist du mein Vater? Verpiss dich!', reagierte Trish gereizt.
Alexander lachte, ließ sie aber allein und suchte Marc in seinem Atelier auf. 'Süß die Kleine und so höflich.'
Marc verdrehte nur die Augen. 'Ach hör mir auf, so langsam nervt sie. Hast du die Sachen von Kati dabei?'
Alexander packte einige Schachteln mit der neuen Kollektion und die Preisliste aus und reichte alles Marc, der auf den Tisch wies. 'Leg es dort ab, ich kümmere mich gleich darum. Magst du was trinken?'
Alexander lehnte ab. 'Danke, aber Kati wartet in der Galerie. Wir haben für die Messe noch einiges vorzubereiten.'
'Begleitest du sie?'
'Nein, ich muss sie im Laden vertreten, und außerdem bekomme ich Besuch.'
'Von dem Kati nichts weiß?', zwinkerte ihm Marc zu, und Alexander wurde verlegen.
'Sie kann alles essen, muss aber nicht alles wissen. Das Geheimnis einer guten Beziehung.'
'Davon verstehe ich nichts, und du genieße deine sturmfreie Bude', grinste Marc, als er Alexander die Hand zur Verabschiedung reichte.
Allein im Atelier besah sich Marc die neue Kollektion von Katharina. Es handelte sich überwiegend um Halsketten. Für die Katalogfotos nutzte er einen weißen Frauentorso, dem er die jeweilige Kette um den Hals legte. Diesen konnte er in der anschließenden digitalen Nachbearbeitung wegretuschieren, so dass die bloße Kette frei im Raum schwebend übrig blieb. Ein kleiner Trick mit großer Wirkung. Doch heute war er unzufrieden. Seit einer Stunde experimentierte er mit verschiedenen Beleuchtungen, erhöhte die Kontraste und probierte diverse Hintergründe, doch die Ketten wirkten einfach nur blass. Vermutlich, weil sie aus pastellfarbenen Zuckerglasuren bestanden, bei denen er fürchtete, dass sie unter den Strahlern schmelzen könnten. Entnervt gab er vorerst auf. Er würde es später noch einmal versuchen müssen. Gerade als er die Kollektion wieder zurück in die Schachteln packen wollte, öffnete sich abermals die Tür zum Atelier, und Trish fragte, ob sie störe.
'Heute so förmlich?', schmunzelte Marc, lud sie aber ein, hereinzukommen und sich umzusehen.
'Was machst’n grad?', erkundigte sich Trish, als sie ihren Rundgang durch das Studio beendet hatte. 'Kann ich mal die Dunkelkammer sehen?'
'Klar, komm mit', nahm Marc sie bei der Schulter und dirigierte sie in den zweiten Raum. 'Gerade wollte ich für Katharina eine Schmuckkollektion fotografieren. Aber ich komme nicht recht voran.'
'Kann ich hier auch mal Fotos machen?', fragte Trish und zeigte auf die verschiedenen Fixierschalen mit Entwicklungsflüssigkeiten, über denen auf einer Schnur Fotos zum Trocknen hingen.
'Klar, wenn du eine Kamera mit einem Film hast.'
'Ja, was denn sonst? Jede Kamera hat einen Film', lachte ihn Trish aus, doch Marc entnahm einem Regal eine Filmrolle und zeigte diese seiner Schwester.
'Ich meine keine Speicherkarte, sondern so was hier. Einen richtigen Film.'
'Aber das ist ja total veraltet.'
'Aber nur für diese Filme braucht man eine Dunkelkammer, digitale Fotos werden ausgedruckt', erklärte Marc geduldig.
'Aber das hier ist viel cooler. Hast du noch so ne Kamera mit Film für mich?'
'Wenn du wirklich Interesse hast, denke ich, kann ich dir eine leihen.'
'Sonst würde ich ja nicht fragen', erwiderte Trish und ging zurück ins Studio. 'Zeig mir mal den Schmuck.'
'Bitte', murmelte Marc.
'Was?'
'Schon gut, schau hier in den Schachteln', wies er sie auf Katharinas Kollektion hin. Eine Kette hing noch um den Hals des Torsos.'Aber bitte sei vorsichtig. Ich schau mal, ob ich in meinem Zimmer noch eine alte Kamera für dich habe.'
Bei seiner Rückkehr sah er Trish mit einer Kette vor dem Spiegel
an der Wand posieren.
'Leg die Kette besser zurück', bat Marc noch in der Tür.
Trish drehte sich provozierend langsam zu ihm um, schaute ihn mit ihren großen Kinderaugen unschuldig an und fuhr sich mit den Händen an der Kette entlang über ihre Brust, die sich kaum unter dem T-Shirt abzeichnete.
'Wieso, gefällt dir nicht, was du siehst?'
Marc antwortete nicht gleich, sah sie aber unverwandt an. 'Doch, schon, aber ich muss den Schmuck unversehrt zurückgeben.'
'Vielleicht lässt sich der Kram so ja besser fotografieren?', ignorierte Trish den Einwand ihres Bruders.
'Ich bitte dich, leg sie zurück in die Schachtel, und sag mir nicht, wie ich meine Arbeit machen soll.' Marc war gereizt, auch wenn er nicht abstreiten konnte, dass die Kette auf der nackten Haut ihres Halses einen lebendigen Kontrast zu dem schwarzen Stoff des T-Shirts bildete.
'Ich denke, du solltest Schmuck an einer echten Frau fotografieren, nicht an diesem Teil dort', wies Trish auf den Torso, dem sie die Kette abgenommen hatte.
'Und das bist du?'
'Klar, schau mich doch an.' Dabei warf sie lasziv ihren Kopf und die langen Haare nach hinten und ließ die Kette auf ihrem schmalen Oberkörper pendeln. Marc konnte den Blick nicht abwenden. Sie erregte ihn in ihrer Unschuld, mit der sie mit ihm spielte. Ihr Blick forderte ihn ebenso heraus wie ihr Körper, der gerade die kindlichen Konturen verlor und zur Frau wurde. Ihre Selbstsicherheit schien ihn zu verhöhnen. Ihr aufreizender Gang, mit dem sie sich auf ihn zu bewegte, während sie die Kette durch ihre Finger rinnen ließ, lähmte
ihn.
'Probiers halt aus, kannst die Fotos ja wieder löschen.' Dabei drehte sie sich um ihre eigene Achse und tanzte zu einer imaginären Musik, während Marc zu seiner Kamera griff.
Paul arbeitet neben seinem Kunststudium in einem Pornokino, das später von seinem Chef und Freund Bones zu einem Kino-Musik-Club umgebaut wird und verliebt sich bei einem Kunstmuseumsbesuch in Nina. Diese Liebe wird auf so manche harte Probe gestellt, nicht zuletzt durch Leonie, eine enge Freundin von Paul, die mit ihrer Mutter und deren Freund Franz, den ein tragisches Schicksal ereilt, zusammenlebt und eine Liaison mit Pauls Freund und Mitbewohner Marc beginnt, um damit näher bei Paul sein zu können.
Marc ist freischaffender Fotograf, der sich neben dem Aufbau seines Ateliers und der Beziehung zu Leonie um seine pubertierende und zutiefst unglückliche Stiefschwester Trish kümmert, die im Internat lebt und ihm irgendwann bei seinen Fotoaufträgen als Modell zur Hand geht, bis eine Grenze überschritten wird, die das fragile Gefüge rund um Marc zum Einsturz bringt. Grund hierfür ist nicht zuletzt Marcs bester Freund Alexander, der sich in die Exfreundin des dritten WG Bewohners, Levi, verliebt hat.
Levi, Informatikstudent und Sohn eines Unternehmers, versucht sich zusammen mit seinem Bruder durch eine eigene Firma von seinem übermächtigen Vater zu emanzipieren und verbringt seine übrige Zeit zusammen mit der WG oder auf einer Lesebühne. Vor einiger Zeit hat er sich von Rebecca getrennt, die ihm das nicht verziehen und Rache geschworen hat. Auf der Suche, ihm das heimzuzahlen, scheut sie sich nicht, die Existenz von Levis Familie aufs Spiel zu setzen und geht im wahrsten Wortsinn über Leichen.
Verbindendes Glied zwischen diesen Handlungssträngen ist Alexander, bisexueller Studienabbrecher, der seinem Vater auf der Tasche liegt und Rebecca zu einem Job im Polizeipräsidium verholfen hat, ohne den diese ihre Rachepläne nicht hätte verwirklichen können.
Dr. Bierfang, Alexanders Vater, muss sich als Polizeipräsident mit einer parallelen Kindesentführung herumschlagen, ohne den wahren Täter zu finden. Da kommt ihm ein Hinweis Rebeccas auf Vorgänge innerhalb der WG von Paul, Marc und Levi gerade recht. Hier kann er – mitten im Wahlkampf – dem Minister für Inneres die geforderte positive Publicity verschaffen und liefert Marc dabei ans Messer, nicht zuletzt, um die Mitwirkung seines Sohnes an einem schmutzigen Geheimnis zu decken. Hierfür sind ihm alle Mittel recht, für die er sich auch Rebeccas Hilfe bedient.
Ralf During
lebt in München
Rechtsanwalt und Lektor
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Ein frühreifes Teenagergirl und die Rache einer Frau bringen Pauls Welt ins Wanken. Ein Liebesroman, der über Leichen geht und eine packende Familiengeschichte, dicht, atmosphärisch, unterhaltsam.
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